"Central District" Palimpsest

„Central District“ Palimpsest

Widmung
Totengespräch mit einem lebenden Dichter

Friedrich Nietzsche:
Nein! nur ein Dichter!
ein Tier, ein lustiges, raubendes, schleichendes,
das lügen muß,
nach Beute lüstern,
bunt verlarvt,
sich selbst zur Larve,
sich selbst zur Beute

Thomas Kling:
die stadt ist der mund
raum, die zunge, textus;
stadtzunge der granit:
geschmolzener und
wieder aufgeschmo-
lzner text.

Prolog
Über dem Himmel von Shanghai

Ich bin Tiangou, der große fressende Hund. Ich bin der Himmel über den Völkern. Ich habe den Mund des Monds in meinem Maul. Meine Zähne sind scharf wie die Krallen des Tigers. Ich fresse Sonne wie Sterne. Das ganze Weltall fresse ich. Ich bin ich. Meine Zähne sind die Zähne des Drachen.

Ich bin Shen Nung, der Prinz der Ähren. Ich sitze am Eingang der Eßhalle. Durch meine gläserne Bauchdecke beobachte ich den Verdauungsprozeß in meinem Magen. Keiner, sagt man, kennt wie ich die Wirkungen der Speisen im Körper.

Canto 1

abgerippt

eingerüstete rachenfäule megalopolis
formloses wortgebilde
ohne eigentliche folge
ungeheuer
nichtig anarch
namenlose gesichtslose
stahlträgerkonstruktion
durch die seewind streicht
wie katzengeruch
aufgereizte kehlkopfkrätze
durch die sich inselwinde krallen
räudige böige feuchte
von den hafenanlagen herauf
fiebrig fauchende landzungenwinde
alveolare rötung vor sich herblähend
heiseres inkarnat
rohen roten gaumenfleischs
aus gehöhltem gurgelraum gegrault
geschwollene binnenwange aufgebissen
abgerappte gutturale abgebilde
in sekundentakt durchschossene gerippe
metropolitane substruktur
taktiler text
an allen häuserenden gewärtig
in allen straßenecken verborgener textus
megalogedichtnis
untergründe von schächten durchfressen
röhrensysteme tief ins corpusfleisch getrieben
tastende eingestülpte fingerkuppen
digitus zum einstieg
zugluft

Canto 2

kurzer halt am halblangen hals

weißgefleckte nackenstarre
abgerieben wundgerieben mundgerieben
am gefurchten schlangenkragen
bloßgelegt
bloßgelecktes knochensalz unterhalb des wangenbeins
zerkratztes gekritzel auf entblößtem schulteransatz
schrundige kruste entlang den unterkieferknochen
abgelagertes salzkristall in kehlgruben und schlüsselbeinkuhlen
verblasen
zerblasen

auf abgeschabter stirnhaut
palimpseste überzügelter angst
rissig durchädert
unlesbarer hypokephalos
nicht entzifferbare chiffren auf der unterschädelplatte
vielsagend nichtssagend

krummgezogen

verklommener o-ton im zwischenohrraum
sinistres knistern
anonymes tinnituszischeln
übertönend
metallenes schallen
eiserner flügelschlag der nacht
das zischen der sicheln und sensen des saturn
schwundgestufter restmythos totentanz

Canto 3

zugig draußen im straßenzug

kein mauervorsprung weder fries noch pfeiler
kein mauerwinkel wo
salzwinde nicht ihr nest gebaut
stumme klippen felsenzungen
stoßen von den docks
in offene meeresmünder hinaus
wie um das ohr zu finden
das ihre schweigsamkeit birgt
mit roten gelben und grünen neonfarben
spielt die stadt ihr sirrendes abendspiel
mit dem ewig verschlungenen himmel

(umschrift)

brauenrunzelnde mürbe bölleröfen
drinnen im hotel
keuchen wie bullige körperkuchen
dampfen und pauken wie resonanzkessel

Canto 4

feuchte

haarrißnetze im feingeäderten leitungssystem
kupferhaltige striemen von sickernden tropfenbahnen
auf den stahlmänteln der wasserbehälter
rote schriften in langgewundenen zügen
aus dem metall geschwitzte strähnen
rieselnde tränen
heizkesselwänden aus den lacknasen gezogen
pulsende rostbraune chiffren
rostrote streifen
dem triefenden lauf des rohrgestänges folgend
wie augen
oder blasen alter männer
die kein wasser halten
tropfende kalkablagerungen
oxydierte rohrnähte
zersprödete armaturen
überschraubte apparaturen
aufgerauhte mischbatterien

Canto 5

kompositionsgerüst

draußen vor dem portico
aufpolierte granitschnitten
rote stimmen ausatmend
wie ausgemergelten speckstein
heisere lungen
rote schriften auspulsend
in kurvilinearen bögen
endlose rotwortstöße
auf geglätteten säulenhallenböden
gedichtstrukturen
bestehend aus vertikalen stützen
horizontalen trägern
und
– besonders in den verwerfungszonen der erdplatten –
diagonalen streben von eck zu eck

solchermaßen eingerüstet
atmen
rote stimmen
aus heiseren lungen
pulsen
rote leuchtschriften
langgewundene züge
endlos rote reihen
wörterstöße
großstadtskelette
hochbautengerippe
knirschende postamente im kiesbett

kieselkauende eckensteher in blankgeriebenem straßenanzug
säulenformen zügig zueinandergeflüstert
gebäudelenden gegeneinandergewendet
mundsäulen
zahnfassaden gegen adern geschlagen
gekörnter zungenbrei mit speichel eingedickt
unterschwellig
verschwiegenes mother-in-law-gezeter
keine weißen gebisse unter buntbebänderten hüten
kein buntbeperltes prospektmanhatten
hutpigmente hautpavemente
„alles rauf aufn klunkerhaufn“ und krasis vollzogen
und ab gehts durch die müde mitte
haltbarkeitsdauer um einzwei jährchen zu hoch angesetzt

Canto 6

prostituierte auf der vordertreppe

bulliger freier kopf
schrötig körnig
hände in den gesäßtaschen
bette-davis-style
geschwärzte warzen einwärts gestülpt
hökert mit unterleib und oberkörper
höckert pinkfarbene seelenplacken in wohlkalkulierte kälberhälften
sprenkelt rosa lack in falbe lachsgesichter
spuckt stockfleckiges rouge in breitgekrempte lachgesichter
rostet rosige röte in faulfühlige grinsgesichter
sprüht rötliche färbe in totenwachende wachsgesichter
verspricht erregte höchströte in taubstichige sagenichtsgesichter
schlenkert rubinrote halsgewichte in wertlose habenichtsgesichter
prustet prickelnden lambrusco auf pralle rotweinschlauchgesichter
preßt karminrote porenperlen auf scheinwahre glaubenichtsgesichter
pustelt blutrote nadelpinköpfe auf spießige allesglaubgesichter
kratzt gerötete striemenkerben in halbgerundete grunzgesichter
überzieht mit scharlachroter sprachornamentik alle die bäuche
die auf geharktem kies liegen
und alles anbeten
was nicht umfällt
redet billig
abwertig
mit angewiderter schleimunterlaufener zunge
zungengrund zusammengeschrumpft
belegt überlappt überlagert
erstickt im mittransportierten schweigen
angelegte letzte hohle hand
ruckend auffahrend
backenknochen
kiefer
schrundendes lippenleder

„hand umdrehen!“
„die hand umdrehen mann!“
„warum dreht der idiot auch seine verdammte hand nicht um!“

Canto 7

vernistelt im trockenen mundstock

vielinslig viellinsig
okular gebreiteter
binokularer brillenblick
zentralperspektive
geschwenkt geschnitten gezoomt nachgeschärft
schnittfigur auf trennschärfe gehalten
salzstarrige türsteher mit pfeilerhälsen
angezoomt
säulenstarrende granitgänger im straßenzug
sich häuserfassaden zuhustend
einander kapitelle zubellend
einander akanthusfriese zuschreiend
die lunge aus dem leib
geschlechterpaare mit lustknoten auf den liebeskonten
luftige bilabiale lippenpaare zermixt zermechtelt
bilinguale zungenpaare zertextet zertechtelt
biglobale polpaare
unterschüttert mangels erscheinung
heterogen zerzerrter mischtexte
unterfütterte mangelerscheinung
bipaginaler seitenpaare verlext verlegiert verlässigt
handzerblätterte handzerlesene handlektüre
obsessive suche nach dem ungesuchten

wortspiel

zerschlendert
die hinrichtung glabils
phantomjagd symptomreduktion
orale kultur
urban unterschütterter u-bahn-o-ton
„Aya, oie!“
„ah ja? oh je!“
„neeneeneeneenee!“
„nana, naja.“
und vor allem: „oh no!“
ohne ohno
geht nichts gehts halt nicht
die brisante frappanz des banalen
eine der drei allegorischen schwestern der bimellenniumwende
neben der gichtbrüchigkeit der würfe
und der giftigen wunderlichkeit der sprachsysteme
entwertend antwortend
gegenwort gegenwert gegenwart
hochtöne lispelnde
obertöne surrende
übergänge von zeitnot in atemnot

Canto 8

schrille

knirschende blicke
trennscharf gestochen
hinein in verhaltenen atemraum
lungenflügel gepierced
durch scheidewandschluchten
naseweise kälte pustend
in rissige zwischenhaarwände
flimmernde nebenzimmerfluchten
gebilde aus spitzem mövenschrei
und ächzendem krähengekrächze
im schrund der nagelbetten
secondhand sekundiertes erlesenes federlesen
voyeuristisch geschnaubte
nächtliche flucht durch die nasenröhre
des eissturmvogels
überschüssige ausscheidung von salzgehalt

Canto 9

schwarzlodernde jagden über häuserblocks

flappende flatternde klatschende lappen
in der steinfeuchten breidicken luft
die kalte stadt ein brennendes pferd aus blei
säulenheilig im diesigen schein der neonlaternen
verfrühter winterabend
nachtgelichter am schwirrenden himmel
fahrstuhl tentakelt
in vertikaler kerkerung
zerbissen röchelnder zerberus
in zerzerrtem rohrgestänge
geschnellte säulensockel im häuserblocksturz
wie klobige feuerzähne
im zerfressenen luftröhrenzug
zerscherbte splitterglasfassaden
zwischen hinterschlagenen frontscheiben
bröslig lastender ballast
emporenabrisse ausgefällt auf planem asphalt
ballustradengebröckel
postamentgeröll
ausgemergeltes speckgranulat auf schwarzem glattem granit
rieselnde altanfüllungen aus gespaltenem basalt
bebrochene borten zerrieben in berstendem mörtel
zerborstene brüstung
bloßgelegte mauerfugen
von zugwind durchfurcht
zerbürstet
durchfegt
großaufnahme:
vergrößert
vergröbert
grobgekörnt
zersprödet
kalte kraterlandschaften
herübergezoomt
von erloschenen anderen sternen
gegen häuserstirnen geworfen
rachenraum ‘central district’
halbinselgaumen
von scheinwerferkegeln verleuchtet ausgeleugnet

Canto 10

milchstichig morsches laken

über korrodierten federnrost gespannt
darunter ein zerwühltes meer
schaumkronweißer frauenarme
unter der achsel salzgeruch
kaltklebriger matratzenschweiß
lechzende rachenräuden
die durch inselwinde tänzeln
die über lagunenzungen rieseln
die klamme felsen in nasenwände schneiden
diesseits der gedankensprünge
bigcityspektakel
beiseitegestapelt
beiseitegegabelt
die krätze der stadt
verbrannte nägel
skylinekuppen fingern sich tastend
tief in die verbrühten kehlen
verklumpter rachenraum megalopolis
morbid mortal remorse morceaux

Canto 11

pathosrest wortmetropole

sprachkapitale
gespreizter megalog
spiraler schriftmachtmoloch
sprichst bist text behauptest bedeutung
gestelzte stolze kapazität
bist zeichnung ikon
länderüberbordende
meereüberhordende
monomane mutter megalopolis
hast dich durchsetzt
nicht aber durchdrungen
hast es nicht nötig ein ich anzunehmen
weshalb auch
sollte ein konglomerat wie du
sich schämen vom menschen abzustammen
weshalb auch
sollte ein syndrom wie du
der poesie bedürfen

Canto 12

poesie

seltsames gewerbe
reitest voller hochmut
wie der kindstod
auf dem steckenpferd
muß tanzen schon
und kan kaum gohn
stilloser stilleloser moment
anhaltend im klanggewirr
glühend fließender
geschmeidiger stein
poesie
abgestrippt
befremdliches gewebe
entfesselte subkutane kraft
außer fassung
ordnungslose bewegung
der verborgenheit entborgt
geboren aus allgegenwart
aus der überfülle des augenblicks

den eindruck gilt es zu verwischen
als verstünde man alles
oder das meiste vom leben
als könnte geschichte zu asche werden
wie transitzeiten aus dem gedächtnis fallen
– gedächtnisfallen –
im handumdrehen
zerfallen das gehäuse der ewigkeit
die grabmalkathedralen der bitternis
die hohen bögen der zeitlosen wiederkehr
des verloren gewesenen

Canto 13

ich sach swaz in der welte was

hochgebaute gesetze drückende burgen
umbaute bauten des verfalls
selbstherrliche posen des hochmuts
beutenhorte des verderbens
verleibeignungen einjochungen einverleibungen
bedeutungshorte ausbeutungshorste
vom wilden wein besungene
in den schäbigen schenken der schergen
unten in den genommenen niederungen
fluchumwobene zufluchten der saatkrähen
trutz- und trugburgen der verzweiflung
bergfriede letzter ruhe
der gehenkten und den henkern
geistesverlassenes blindes hämmern
auf den sohlen der zisternen
die verlorenen in den verliesen
si horten diu wazzer diezen
hineingefressen in den stumpfen berg
der sehnsucht nach wasser und nach blei
kein vorsprung weder fries noch pfeiler
kein winkel wo nicht todesvögel nisten

d‘annunzio
sah häuser sich erhellen
gärten in schwarze schatten getaucht
einen stern aufflammen
aus dem reißenden himmel
am ende der lagune einen langen blassen streifen erglänzen

mein ich war außer sich
mir träumte ich
sah häuser sich
erhellen
sah schwarze gärten sich
aus schatten schälen
sah einen stern aufflammen
sah den himmel sich
aus dem alldunkel reißen
am ende der lagune
einen langen blassen streifen
erglänzen der
wie ein wohlvertrauter ferner
morgenengel seine
willkommen erwartete botschaft
in die rosenroten strahlen
des unverbrüchlichen versprechens kränzt
sah sie sacht zu mir herübergleiten
mich in meiner schwindenden nacht
mit mildem licht zu übergießen

rosende sonne

im grauen tau geträufelter frühe
tastet fröstelnd und mit klammen kuppen
ein morgen seinen zarten flor
in die milchigen weiten des dämmers
jungen biegsamen reisern
enthuschen schoßende knospen
betörte rosenschöße entwischen
dem törichten wiegen der nacht
morgensonne entfaltet den bausch ihrer blüte
den himmelsfluren entstiegen
verliert sich ihr rosiger duft
und weicht gelichtet der helle
dem nagenden grellen des tags

Epilog
Torsionen statt Apotheose

Alles zerrt sich zutage
oder imaginiert sich
als zutage Gezerrtes